Jugendmagazin für Hamburg. Kostenlos - da unbezahlbar. Ausgabe 6|November 05

FREIHAFEN

Milli Vanilli?

Whitney Houston.

Er heißt Ikenna Benéy, kommt aus Berlin und würde jedem, der danach fragt, sein Alter bereitwillig verraten. Seine Hobbies? Sport. Am liebsten tauchen, Rollschuh laufen und Fahrrad fahren. Und das Leben genießen.

Der Deutsch-Nigerianer ist ein ganz normaler Mann, wenn auch etwas femininer als andere, der von Natur aus mit einer atemberaubend schönen Stimme ausgestattet ist. In jüngeren Jahren verdiente er sein Geld damit, bei Boygroup-Produktionen im Background zu singen. Allerdings ist dies wohl unter dem Kapitel „Er war jung und brauchte das Geld“ abzutun, denn angesprochen wird er hierauf eher ungern. Bei einer der besagten Produktionen erkannte auch Frank Farian, Produzent des ehemaligen Erfolgsduos Milli Vanilli, das riesige Talent. Aber Moment, Milli Vanilli? Wer war das noch gleich? Ach ja, diese beiden smarten jungen Männer, die mit ihren polangen schwarzen Rastazöpfen und Songs wie „Girl You Know It’s True“ die Herzen der Mädchen in den 90ern wie im Sturm eroberten. Schade nur, dass die Beiden zwar gut zu vermarkten waren, aber keinen ihrer Songs selbst geschrieben haben. Und noch viel bedauernswerter ist doch, dass sie sich in einem Vertrag mit der Plattenfirma Arista dazu verpflichtet haben, das neue Album live vorzustellen. Das war natürlich ein mächtiges Problem und hätte wohl das Ende der Karriere bedeutet. Frei nach dem Motto „Probleme sind dazu da, um gelöst zu werden“ machte Frank Farian sich auf, um die Mitglieder von Milli Vanilli klangheimlich auszutauschen. Und, da Ikenna Benéy dem jüngeren der Beiden, Fabrice Morvan, auch noch zum verwechseln ähnlich sieht, erhielt er seine große Chance. Welcher aufstrebende, aber unbekannte, da noch nicht entdeckte Sänger wünscht es sich nicht berühmt zu werden, die großen Hallen dieser Welt zu füllen und ganz nebenbei auch noch für das Alter auszusorgen? Ikenna Benéy. Warum? Er fühlt sich nicht als Künstler.

Mindestens 30 Minuten vor jedem Auftritt geht’s in die Maske. Und wenn das Licht auf der Bühne wieder angeht, steht dort eine perfekt gestylte Sängerin, die uns ihr Alter nicht verraten würde, weil Damen so was einfach nicht tun. Schätzungsweise ist sie irgendwas zwischen 20 und 30. Ikenna Benéy ist Künstlerin. Seit mittlerweile 13 Jahren verwandelt Ikenna sich regelmäßig in ein Wesen mit aufwendig gestalteten Abendkleidern, selbst geknüpften Perücken und Stöckelschuhen so hoch, dass einem schon vom Zusehen die Füße wehtun. Aber reicht das wirklich, um weiblich zu sein? Oder gab es Operationen um dem Frau-Sein noch näher zu kommen? Nein. Wenn Ikenna aus der Dusche steigt, ist alles immer noch so, wie Mama es einst mitgegeben hat. Warum? Viel zu viel Angst. Außerdem ist sie gerne Mann, ihre Auftritte betrachtet sie als „eine Weiterführung von mir selbst“, nicht jedoch als Wunsch endlich Frau sein zu dürfen. Wenn sie ihr Kostüm auszieht, ist sie wieder der Mann, der gerne Sport treibt und das Leben genießt. Aber zurück zur Lady. Oder, sollte ich lieber sagen, zur Diva? Denn, auf der Bühne liefert sie eine beeindruckende Interpretation der Songs der Diva überhaupt ab: Whitney Houston, natürlich wie man sie aus den besten Zeiten kennt.

Zur Zeit gastiert der Travestiestar in Hamburg. Genauer gesagt im Pulverfass-Cabaret, wo sie noch bis Ende Oktober Teil der Anfang September gestarteten „Viva Las Vegas“-Show sein wird. „Viva Las Vegas“, das klingt nach viel guter Unterhaltung – und einer Menge Abwechslung. Der Schein trügt nicht. Von Pop über Soul bis hin zu Schlager oder Stimmungsmusik, z.B. von der „Muddi“ Cristina. Für kochendes Blut sorgen heiße brasilianische Rhythmen von Roberta, die auf jeden Fall das „Kostüm- WOW“ des Abends für sich beansprucht, aber auch von Rodriges und Victor, die spezialisiert sind auf das „Gar-nichts-mehr-an-WOW“. Und spätestens wenn man „Whitney“ live gesehen hat, ist man froh darüber, dass sie für Milli Vanilli nicht genug Künstler war.

Jenny Wolf

jenny@freihafen.org